Die hier veröffentlichte Fassung ist eine deutsche Übersetzung. Die englische Originalversion finden Sie hier.
Stellen Sie sich und Ihre aktuelle Tätigkeit kurz vor. Wer sind Sie – und was begeistert Sie heute an Ihrer Arbeit?
Mein Name ist Hee-Jun Sim. Ich habe von 2001 bis 2008 Architektur an der Universität Stuttgart studiert und anschließend bei Renzo Piano Building Workshop in Paris, Herzog & de Meuron in Basel sowie bei SL-Rasch in Stuttgart gearbeitet.
Seit 2013 leite ich mein eigenes Architekturbüro ArchiWorkshop mit Sitz in Seoul. Das Büro versteht sich als Atelier und arbeitet an Architektur, Designforschung sowie interdisziplinären Projekten.
Mich interessiert heute weniger eine bestimmte Bauaufgabe als vielmehr die Frage, wie sich Architektur unter den heutigen Bedingungen zwischen Stadt und Natur, Technologie und Material sowie globalem Diskurs und lokalem Kontext positioniert. Ich verstehe Architektur als einen Prozess des Gestaltens von Beziehungen – nicht primär als das Hervorbringen von Objekten.
Welche Erfahrung aus dem Studium prägt Sie noch bis heute?
Die Universität Stuttgart bot ein Umfeld, in dem Architektur nicht als fest umrissene Disziplin verstanden wurde. Stattdessen ermöglichte sie einen kontinuierlichen Austausch zwischen Entwurf, Ingenieurwesen und Forschung.
Die Arbeit am ITKE unter Professor Jan Knippers war dabei prägend. Sie veränderte mein Verständnis von Struktur grundlegend: Struktur war für mich nicht länger nur eine technische Notwendigkeit, sondern wurde zu einem architektonischen Entwurfsprinzip. Sie wurde zu einer Denkweise – nicht lediglich zu einer Lösung.
Ebenso wichtig war die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Institutionen und Städten zu wechseln. Meine Zeit an der ETH Zürich sowie später bei Herzog & de Meuron und Renzo Piano Building Workshop waren keine voneinander getrennten Stationen, sondern Teil einer kontinuierlichen Entwicklung. Stuttgart war dabei ein Knotenpunkt innerhalb eines größeren europäischen Netzwerks, in dem Wissen und Praxis eng miteinander verbunden waren.
Diese Gleichzeitigkeit von lokaler Verankerung und internationaler Perspektive prägt meine Arbeit bis heute.
Drei Worte, die Ihre Studienzeit an der Universität Stuttgart beschreiben.
Offen – Kritisch – Weitblickend.
Welche Aha-Momente im Job hätten Sie gern schon im Studium gehabt?
In der Praxis wird einem bewusst, dass Architektur nicht nur darin besteht, Ideen zu entwickeln, sondern sie auch durch Verhandlung, Zusammenarbeit und Ausdaer über einen langen Zeitraum hinweg zu tragen.
Rückblickend hätte ich das intellektuelle Umfeld der Universität noch intensiver genutzt. Jede Vorlesung, jede Diskussion und jede Kritik bietet die Möglichkeit, die eigene Haltung zu schärfen. Solche Momente lassen sich später nur schwer wiederholen.
Außerdem habe ich erkannt, wie wichtig Kontinuität in der Forschung ist. Die Zusammenarbeit zwischen ICD und ITKE, die sich nach meinem Studium weiterentwickelt hat, steht beispielhaft für einen Ansatz, bei dem Architektur, Tragwerk und Material nicht getrennt voneinander gedacht werden. Diesen Ansatz verfolge ich auch in meiner eigenen Arbeit weiter.
Was war Ihr erster Eindruck von der Universität Stuttgart an Ihrem ersten Tag als Student*in?
Es war zunächst ein Moment der Orientierungslosigkeit – ein neues Land, eine neue Sprache und eine andere Art zu denken.
Gleichzeitig empfand ich eine große Offenheit. Die Universität gab keine Richtung vor, sondern forderte jeden Studierenden dazu auf, eine eigene Haltung zu entwickeln.
Diese anfängliche Unsicherheit wurde mit der Zeit zu einer produktiven Voraussetzung für mein Lernen.
Gibt es eine Lektüre (oder auch ein Film/anderes Medium), die Ihren beruflichen oder persönlichen Weg nachhaltig beeinflusst hat?
Weniger einzelne Bücher als bestimmte Denkweisen haben mich nachhaltig geprägt.
Peter Zumthors Atmosphären hat diese Denkweise besonders greifbar gemacht. Das Buch beschreibt eindrucksvoll, wie Material, Licht und Klang eine räumliche Präsenz erzeugen, die über reine Darstellung hinausgeht.
Ebenso ist ein Vortrag von Frei Otto für mich bis heute eine wichtige Referenz. Seine Arbeiten zeigen, dass Form aus Logik, Effizienz und natürlichen Prozessen entstehen kann. Sie erinnern daran, dass Architektur zugleich präzise und poetisch sein kann.
Was würden Sie Student*innen, die kurz vor Ihrem Abschluss stehen, auf den Weg geben?
Architektur braucht Zeit. Sie ist eine Disziplin, die sich durch die kontinuierliche Anhäufung von Wissen, Erfahrung und einer eigenen Haltung entwickelt.
Statt vorgegebenen Wegen zu folgen, ist es wichtiger, die eigenen Fragen zu formulieren und ihnen konsequent treu zu bleiben.
Die Bedingungen, unter denen Sie arbeiten, werden sich ständig verändern. Entscheidend bleibt Ihre Fähigkeit, zu denken, sich anzupassen und sich kritisch mit den jeweiligen Rahmenbedingungen auseinanderzusetzen.
Ihr Lieblingsort auf dem Campus?
Der Campus Stadtmitte – insbesondere das Architekturgebäude K1 – ist mir bis heute lebhaft in Erinnerung.
Es ist ein Ort, an dem unterschiedliche Qualitäten zusammenkommen: die Intensität der Entwurfsarbeit und zugleich die Offenheit des umliegenden Stadtraums. Dieses Wechselspiel zwischen konzentrierter Arbeit und Freiraum war für mich von großer Bedeutung.
Ebenso wichtig waren die informellen Momente – das Zusammensein mit Kommilitoninnen und Kommilitonen, gemeinsame Gespräche und Zeit außerhalb der Projektarbeit. Diese Erfahrungen haben die Atelierkultur ebenso geprägt wie die Projekte selbst.
Was würden Sie der Universität für die Zukunft auf den Weg geben?
Architektur bewegt sich heute in zunehmend komplexen und vernetzten Zusammenhängen. Die Aufgabe einer Universität besteht daher nicht nur darin, Wissen zu vermitteln, sondern Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen unterschiedliche Disziplinen und Perspektiven miteinander in Dialog treten können.
Die Stärkung internationaler Kooperationen ist dabei entscheidend – nicht nur als Austausch von Studierenden, sondern als kontinuierlicher Dialog zwischen verschiedenen kulturellen und räumlichen Kontexten. Gemeinsame Entwurfsstudios, Forschungsplattformen und Projekte mit realem Praxisbezug können architektonisches Denken über geografische Grenzen hinaus erweitern.
Gleichzeitig sollten neue Technologien – digitale Fertigung, Künstliche Intelligenz und nachhaltige Systeme – nicht lediglich als Werkzeuge verstanden werden, sondern als Kräfte, die die Disziplin selbst verändern.
Ebenso wichtig ist die Vernetzung der Alumni. Viele Absolventinnen und Absolventen der Universität Stuttgart arbeiten weltweit in sehr unterschiedlichen und einflussreichen Positionen. Ein stärkeres Netzwerk zwischen ihnen könnte neue Formen der Zusammenarbeit, des Mentorings und des Wissensaustauschs ermöglichen.
In diesem Sinne kann die Universität nicht nur eine Bildungsinstitution sein, sondern eine aktive Plattform, die Menschen, Ideen und Praxis über Zeit und geografische Grenzen hinweg miteinander verbindet.
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Vanessa Misirloglou
Leitung Alumni Relations